Read Lenos Pocket, Nr.38, Jenseits von New York (LP) by Roger Perret Online

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ber den Autor und weitere MitwirkendeAnnemarie Schwarzenbach wurde 1908 in Z rich geboren Studium der Geschichte in Z rich und Paris Ab 1930 enge Freundschaft mit Erika und Klaus Mann 1931 Promotion 1931 bis 1933 als freie Schriftstellerin zeitweise in Berlin Erstmals Morphiumkonsum 1933 bis 1934 Vorderasienreisen 1935 kurze, ungl ckliche Ehe mit dem franz sischen Diplomaten Claude Clarac in Persien 1936 bis 1938 Foto Reportagen im Zusammenhang mit Reisen in die USA, nach Danzig, Moskau, Wien, Prag Entziehungskuren in der Schweiz 1939 Reise mit Ella Maillart nach Afghanistan 1940 Aufenthalt in den USA 1941 bis 1942 in Belgisch Kongo Die Journalistin, Schriftstellerin und Fotoreporterin starb 1942 in Sils....

Title : Lenos Pocket, Nr.38, Jenseits von New York (LP)
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ISBN : 3857876387
ISBN13 : 978-3857876387
Format Type : E-Book
Language : Deutsch
Publisher : Lenos 1 Januar 1997
Number of Pages : 200 Seiten
File Size : 698 KB
Status : Available For Download
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Lenos Pocket, Nr.38, Jenseits von New York (LP) Reviews

  • weiser111
    2020-05-13 16:30

    Wie beschreibt man etwas, das jeder Beschreibung spottet? -- Diese Frage muss sich die promovierte Historikerin, Journalistin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach 1936 und 1937 viele Male gestellt haben, als sie die Industriegebiete im Nordosten der USA und die hoffnungslos rückständigen Südstaaten bereiste.Der Hintergrund dieser Reportagen: Nach dem Börsenkrach 1929 und zahlreichen Naturkatastrophen befanden sich die USA in einer schweren Wirtschaftskrise; die Maßnahmen des 1933 von Roosevelt ins Leben gerufenen "New Deal" begannen erst langsam Erfolge zu zeigen. Nach wie vor schrien die Zustände vor allem, aber nicht nur in den Bergwerken im Nordosten sowie der Textilindustrie und Landwirtschaft im Süden zum Himmel: Rassismus, unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen, Akkordarbeit in ihrer schlimmsten Form, Kinderarbeit, systematische Verschuldung der Arbeiter und damit unaufhörliche Abhängigkeit vom Arbeitgeber. Manchester-Kapitalismus, Justizmorde und offen betriebene Lynchjustiz gingen oft genug Hand in Hand. Gewerkschaftsarbeit wurde (im günstigsten Falle) mit Rausschmiss bestraft, wenn nicht mit Schlimmerem.Dass ausgerechnet die weitgereiste Tochter einer Schweizer Industriellenfamilie, die den Nazis nahestand, so sehr aus der Art schlagen und soziale Missstände anprangern sollte, dass dieses schwarze Schaf der Familie Schwarzenbach aufgrund ihrer Kontakte zur damals gerade im Aufbau begriffenen US-Gewerkschaftsbewegung Zugang fand zu den Menschen, um die sich sonst kein Außenstehender scherte, das allein ist schon ungewöhnlich. Ungewöhnlich sind auch ihre Reportagen und Fotografien, die mit "Jenseits von New York" in einer repräsentativen Auswahl wieder aufgelegt wurden, vorbildlich herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Roger Perret.Kein verklärender Sozialkitsch, aber auch keine billigen plakativen Schlagworte. Stattdessen exakte, mitreißende Reportagen, die anhand ausgewählter Schicksale dem namenlosen Elend ein Gesicht verleihen, ohne beschönigende Klischees (einzig "Unbekanntes Washington" von 1936 fällt durch lyrisch angehauchte Passagen aus diesem Rahmen). In Schwarzenbachs Reportagen werden auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergründe und Ursachen des Elends analysiert -- bis hin zur omnipräsenten unseligen Verquickung von Manchester-Kapitalismus und Lynchjustiz. Wer hinter Begriffen wie "Ausbeutung" oder "Lohnsklaverei" propagandistische Tricks argwöhnt, wird hier eines besseren belehrt. Das Elend der Opfer dieser Machenschaften ist ebenso entsetzlich wie der Zynismus derer, die von diesem Elend profitieren.Annemarie Schwarzenbach hatte sich ausführlich im Archiv der "Farm Security Administration" (FSA) informiert und Kontakte zur Gewerkschaftsbewegung geknüpft, bevor sie ihre Reisen antrat. Der Einfluss der FSA nicht nur auf ihre Fotografie ist deutlich; für die vielen Fotos gilt dasselbe wie für Schwarzenbachs Reportagen: Sie dokumentieren das Leben der Fotografierten, zeigen sie in ihrem Alltag, ohne sie als Beleg für plakative Thesen zu missbrauchen. Keine pittoreske Armut ist hier zu sehen, kein Sozialkitsch. Schwarzenbachs Gespür für das Charakteristische einer Fabrik- oder Straßenszene ist verblüffend; sie sind oft von einer nachgerade schmerzhaften Sachlichkeit. Kettensträflinge ("chain gangs") z.B. durfte sie nicht fotografieren. Also fotografiert sie Häftlingskittel auf einer Wäscheleine. Der Kontrast zwischen den lustig im Wind flatternden Kleidungsstücken und dem Wissen um die unmenschlichen Haftbedingungen ihrer Träger könnte schmerzhafter nicht sein.Diese Bilder und Reportagen lassen denen, von deren Leben sie handeln, immer ihre Würde. Das war der erste Eindruck, den diese vorbildlich edierte Neuausgabe bei mir hinterließ, und dieser erste Eindruck blieb.Sogar liberale Schweizer Zeitungen taten sich in den 1930er Jahren mit der Veröffentlichung dieser Reportagen schwer und erbaten allen Ernstes einen "feuilletonistischeren" und mit weniger "wirtschaftlichem Material belastet[en]" Stil. Den freilich bekamen sie nicht -- Schwarzenbach war nicht für ihre Kompromissbereitschaft bekannt. Wie ihre Berichte vom Hinterhof der aufstrebenden Großmacht entstanden, erhellt übrigens ein Vergleich des bis dato unveröffentlichten Typoskripts "Lumberton. Notizen" mit dem 1938 veröffentlichten "Streik in Lumberton". Sind schon Schwarzenbachs Notizen aufrüttelnd, so verdeutlicht der daraus entstandene Bericht über die Lage der Textilarbeiter noch das Anliegen der Autorin, deren kristallklarer, "ungekämmter" Stil meisterhaft das Wesentliche erhellt, ohne verallgemeinernd zu werden."Jenseits von New York" enthält veröffentlichte und unveröffentlichte US-Reportagen Annemarie Schwarzenbachs. Allen gemeinsam ist die Anteilnahme ihrer Verfasserin, die sich bei aller Sympathie um eine objektive Darstellung bemüht. Breiten Raum nehmen die Bemühungen der Roosevelt-Regierung ein, die im Rahmen des New Deal auch anstrebte, die Lage der Arbeiter und kleinen Farmer und Pächter ("sharecroppers") zu verbessern. Wie dringend nötig dies war, aber auch, mit welchem Enthusiasmus und Mut sich Gewerkschaftsführer wie z.B. Myles Horton und unzählige Unbekannte engagierten, immer von Entlassung und Gewaltanwendung oder gar Gefängnis, Mord und Folter (!) bedroht, das machen Schwarzenbachs Reportagen überdeutlich. Rechtsstaatliche, demokratische Verhältnisse sehen anders aus. Umso beeindruckender sind Mut und Engagement derer, die für Demokratie und Gerechtigkeit kämpfen -- dies ist nicht die unwichtigste Botschaft dieser ungewöhnlichen Auswahl.Ein hartes, drastisches Bild aus dem Hinterhof der gerade im Entstehen begriffenen Weltmacht, dazu kluge Reflexionen über die Gründe für den unglaublichen Zynismus, der hinter vielem Elend steht --aber auch Beispiele von unglaublichem Mut, Engagement und Optimismus (!). "Jenseits von New York" ist ganz bestimmt nicht das schlechteste Werk der leider fast in Vergessenheit geratenen Annemarie Schwarzenbach.